RPO steht für Remaining Performance Obligations (verbleibende Leistungsverpflichtungen). Im Kontext von Aktienanalysen – besonders bei Software- (SaaS) und Technologieunternehmen – ist dies eine der aussagekräftigsten Kennzahlen in der Bilanz.
Einfach erklärt: Die RPO ist der Gesamtwert aller unterzeichneten Verträge, für die das Unternehmen die Leistung (z. B. den Software-Zugang) noch nicht erbracht hat und somit auch noch keinen Umsatz verbuchen durfte.
Hier ist die detaillierte Aufschlüsselung:
1. Woraus besteht die RPO?
Die RPO setzt sich aus zwei Buchhaltungsposten zusammen:
- Deferred Revenue (Abgegrenzter Umsatz): Das ist Geld, das der Kunde oft schon im Voraus bezahlt hat (z. B. ein Jahresabo im Voraus). Da die Leistung aber über 12 Monate erbracht wird, steht es als „Verpflichtung“ in der Bilanz, bis es Monat für Monat als Umsatz „verdient“ wird.
- Backlog (Auftragsbestand): Das sind vertraglich fest zugesagte Beträge für die Zukunft, für die aber noch keine Rechnung gestellt wurde (z. B. das zweite und dritte Jahr eines Dreijahresvertrags).
2. Warum ist die RPO für dich als Aktionär so wichtig?
Die RPO ist wie ein Blick in die Kristallkugel für den zukünftigen Umsatz eines Unternehmens.
- Umsatz-Sichtbarkeit: Während der Quartalsumsatz zeigt, was in der Vergangenheit passiert ist, zeigt die RPO, was in der Zukunft mit hoher Sicherheit als Umsatz fließen wird. Je höher die RPO im Verhältnis zum aktuellen Jahresumsatz ist, desto stabiler und berechenbarer ist das Geschäftsmodell.
- Frühwarnindikator für Wachstum: Analysten achten extrem auf die Wachstumsrate der RPO.
- Wächst die RPO schneller als der aktuelle Umsatz? Das deutet auf eine Beschleunigung des Geschäfts hin.
- Wächst die RPO langsamer als der Umsatz? Das ist oft ein Warnsignal, dass das Wachstum in den nächsten Quartalen nachlassen wird („Abkühlung“).
3. Die „Geheimwaffe“ der Profis: cRPO (current RPO)
Oft unterteilen Unternehmen die RPO in eine „kurzfristige“ und eine „langfristige“ Komponente:
- cRPO (current RPO): Das ist der Teil des Auftragsbestands, der innerhalb der nächsten 12 Monate als Umsatz verbucht wird.
- Bedeutung: Die cRPO-Wachstumsrate gilt als der präziseste Maßstab für das Momentum eines Tech-Unternehmens. Viele Investoren ignorieren die „normale“ RPO und schauen nur auf die cRPO, um zu sehen, wie viel Umsatz für das kommende Jahr bereits „eingetütet“ ist.
4. Ein Beispiel zur Verdeutlichung
Ein Unternehmen meldet für das letzte Quartal 100 Mio. € Umsatz. Gleichzeitig gibt es eine RPO von 500 Mio. € an.
- Davon sind 300 Mio. € cRPO.
- Das bedeutet: Selbst wenn das Unternehmen ab heute keinen einzigen neuen Vertrag mehr abschließen würde, stünden für die nächsten 12 Monate bereits 300 Mio. € Umsatz fest (vorausgesetzt, die Kunden kündigen nicht).
- Das gibt dem Management (und dir als Anleger) enorme Sicherheit.
Zusammenfassung im Vergleich zum TCV:
- TCV (Total Contract Value): Misst den Wert eines einzelnen neuen Vertrags zum Zeitpunkt des Abschlusses (der „Zufluss“).
- RPO: Misst den Gesamtbestand aller vertraglich zugesicherten, zukünftigen Umsätze (der „Kontostand“).
Tipp für die Praxis: Wenn du Geschäftsberichte liest (z. B. von Microsoft, Salesforce oder ServiceNow), suche im Textteil nach „Remaining Performance Obligations“. Vergleiche die prozentuale Steigerung der RPO mit der Steigerung des aktuellen Umsatzes. Wenn die RPO-Kurve steiler nach oben zeigt als die Umsatzkurve, ist das oft ein sehr bullisches Zeichen.
