Unter dem Home Bias versteht man die (oft unbewusste) Neigung von Anlegern, ihr Geld überproportional stark in Aktien aus dem eigenen Heimatland zu investieren.
Obwohl Diversifikation die goldene Regel an der Börse ist, fühlen sich viele im „heimischen Wohnzimmer“ am wohlsten – auch wenn das aus rein rationaler Sicht oft ein teurer Fehler ist.
1. Warum tappen wir in die Home-Bias-Falle?
Es gibt psychologische und praktische Gründe, warum unser Depot oft eine “Nationalflagge” trägt:
- Vertrautheit (Familiarity Bias): Wir kaufen, was wir kennen. Die Produkte von VW, Siemens oder der Telekom sehen wir jeden Tag. Wir verstehen (glauben wir zumindest) das Geschäftsmodell besser als das eines Chipherstellers aus Taiwan.
- Informationsvorteil (vermeintlich): Nachrichten über lokale Unternehmen sind in den Medien präsenter. Man meint, näher am Geschehen zu sein.
- Währungsrisiko vermeiden: Investitionen im Heimatland erfolgen in der eigenen Währung (z. B. Euro). Das Risiko von Wechselkursschwankungen (z. B. zum US-Dollar) fällt weg.
- Steuerliche/Rechtliche Bequemlichkeit: Man kennt die heimischen Steuerregeln und vermeidet komplizierte Quellensteuer-Verfahren im Ausland.
2. Das Problem: Die Diskrepanz zur Realität
Ein typischer deutscher Anleger hat oft 50 % bis 70 % deutsche Aktien im Depot. Schaut man sich jedoch die weltweite Marktkapitalisierung an, macht Deutschland (gemessen am MSCI World) nur etwa 2 % bis 3 % aus.
Der Vergleich: Wer nur in Deutschland investiert, ignoriert 97 % der weltweiten Chancen. Das ist so, als würde man in einem riesigen Supermarkt nur im Regal direkt neben der Kasse einkaufen.
3. Warum der Home Bias gefährlich ist
- Klumpenrisiko: Wenn die heimische Wirtschaft schwächelt (z. B. durch hohe Energiekosten oder politische Krisen), leidet nicht nur dein Job, sondern auch dein gesamtes Vermögen gleichzeitig.
- Sektoren-Ungleichgewicht: Der deutsche Markt (DAX) ist sehr industrie- und bankenlastig. Wer nur hier investiert, verpasst Trends wie Cloud-Computing, KI oder Big Tech, die primär in den USA oder Asien stattfinden.
- Geringere Rendite: Historisch gesehen haben breit gestreute Weltportfolios (wie der MSCI World) Regionen mit starkem Home Bias oft abgehängt, da sie die Wachstumstreiber aller Länder kombinieren.
| Aspekt | Home Bias Portfolio | Globales Portfolio (z.B. Welt-ETF) |
| Sicherheit | Trügerisch (Abhängigkeit von einem Land) | Hoch (breite Risikostreuung) |
| Wachstum | Begrenzt auf lokale Industrien | Zugang zu globalen Megatrends |
| Währungsrisiko | Keines | Vorhanden (kann aber auch Chance sein) |
Vergleich: aktuelle Länderverteilung im MSCI World (Stand Januar 2026)
Der Index umfasst rund 1.320 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Hier ist die ungefähre Gewichtung der Top-Länder:
| Land | Gewichtung (ca.) | Bedeutung im Index |
| USA | 71,9 % | Absolute Dominanz durch Tech-Giganten (Apple, Nvidia, Microsoft). |
| Japan | 5,4 % | Zweitgrößtes Land, stark in Automobil und Robotik. |
| Großbritannien | 3,7 % | Fokus auf Finanzen, Energie und Rohstoffe. |
| Kanada | 3,4 % | Starker Fokus auf Banken und den Energiesektor. |
| Frankreich | 2,6 % | Führend im Luxusgütersegment (LVMH) und Industrie. |
| Schweiz | 2,2 % | Fokus auf Pharma (Roche, Novartis) und Lebensmittel (Nestlé). |
| Deutschland | 2,1 % | Nur ein kleiner Teil der Weltmarktkapitalisierung. |
| Restliche 16 Länder | 8,7 % | Australien, Niederlande, Dänemark, Schweden etc. |
Die aktuelle Länderverteilung im MSCI World (Stand Januar 2026) verdeutlicht extrem stark, wie groß die Dominanz der USA ist und warum ein reines „Deutschland-Depot“ ein Klumpenrisiko darstellen kann.
Was diese Zahlen für dich bedeuten:
- Die USA-Zentrierung: Wenn du einen MSCI World ETF kaufst, wettest du zu fast drei Vierteln auf die US-Wirtschaft. Das liegt daran, dass der Index nach Marktkapitalisierung gewichtet ist – und die wertvollsten Unternehmen der Welt sitzen aktuell fast alle im Silicon Valley oder in den USA.
- Der Home Bias Schock: Ein typischer deutscher Anleger hält oft über 30 % oder sogar 50 % deutsche Aktien (Siemens, Allianz, SAP). Im Vergleich zu den 2,1 %, die Deutschland im Weltmarkt eigentlich ausmacht, ist das eine enorme Übergewichtung. Du setzt damit „alles auf eine Karte“, die global gesehen nur eine Randnotiz ist.
- Branchen-Fokus: Die hohe US-Gewichtung führt dazu, dass der Sektor Informationstechnologie mit ca. 28 % das absolute Schwergewicht im Index ist. Deutschland hingegen bringt vor allem klassische Industrie und Automobilbau ein, die im globalen Vergleich weniger wertvoll bewertet werden.
Fazit für dein Depot
Ein gewisser Anteil an Heimat-Aktien ist völlig okay (allein schon für das gute Gefühl), aber er sollte nicht dominieren. Ein gesundes Depot sollte die Weltwirtschaft widerspiegeln, nicht nur die eigene Postleitzahl.
