Der Flywheel-Effekt (zu Deutsch: Schwungrad-Effekt) ist ein Konzept aus der Management-Lehre, das durch Jim Collins in seinem Buch „Good to Great“ bekannt wurde. Im Kontext von Aktien beschreibt es Unternehmen, deren Geschäftsmodell so aufgebaut ist, dass sich verschiedene Bereiche gegenseitig verstärken und ein selbstverstärkendes Wachstum erzeugen.
Stell dir ein riesiges, schweres Stahlschwungrad vor. Am Anfang braucht es enorme Kraft, um es auch nur einen Millimeter zu bewegen. Aber mit jedem Stoß wird es schneller, bis die eigene kinetische Energie es fast von alleine antreibt und es kaum noch zu stoppen ist.
1. Wie funktioniert der Flywheel-Effekt im Business?
Ein Flywheel ist kein einzelner genialer Schachzug, sondern eine logische Kette von Ereignissen, die sich im Kreis drehen. Wenn ein Bereich besser wird, schiebt er automatisch den nächsten an.
Das klassische Beispiel: Amazon
- Niedrige Preise ziehen mehr Kunden (Traffic) an.
- Mehr Kunden ziehen mehr Dritthändler (Sellers) an, die ihre Produkte auf Amazon verkaufen wollen.
- Mehr Händler führen zu einer größeren Auswahl.
- Eine größere Auswahl und effizientere Logistik erlauben noch niedrigere Preise.
- Der Kreis schließt sich und das Rad dreht sich schneller.
2. Warum ist das für dich als Aktionär so wertvoll?
Investoren suchen gezielt nach „Flywheel-Aktien“, weil diese Unternehmen oft überdurchschnittliche Renditen liefern. Die Vorteile sind:
- Der „Moat“ (Burggraben) wächst von selbst: Je schneller sich das Rad dreht, desto schwieriger wird es für Konkurrenten, in den Markt einzutreten. Ein Konkurrent müsste nicht nur ein besseres Produkt bauen, sondern das gesamte, bereits rotierende System überholen.
- Sinkende Grenzkosten: Wenn das Rad erst einmal läuft, kostet jeder zusätzliche Euro Umsatz das Unternehmen immer weniger Aufwand. Das führt zu steigenden Gewinnmargen.
- Krisenresistenz: Ein rotierendes Schwungrad hat ein hohes Momentum. Selbst wenn der Markt kurz stagniert, sorgt die interne Dynamik dafür, dass das Unternehmen stabil bleibt.
3. Weitere Beispiele bekannter Flywheels
- Apple: Die Hardware (iPhone) führt zur Nutzung von Services (iCloud, Apple Music), was die Wechselkosten erhöht („Lock-in“), was wiederum dazu führt, dass das nächste Gerät wieder ein iPhone wird.
- Tesla: Mehr verkaufte Autos liefern mehr Daten für das autonome Fahren. Bessere Daten führen zu besserer Software. Bessere Software macht das Auto attraktiver, was zu mehr Verkäufen führt.
- Costco: Niedrige Preise -> Hohe Mitgliederzahlen -> Massive Einkaufsmacht -> Noch niedrigere Preise für Mitglieder.
4. Worauf solltest du bei der Analyse achten?
Nicht jedes Unternehmen, das behauptet, ein Flywheel zu haben, hat auch eines. Als Anleger solltest du prüfen:
- Gibt es Reibung? (z. B. schlechter Kundenservice oder veraltete Technik, die das Rad bremst).
- Ist die Kette logisch? Verstärkt Schritt A wirklich Schritt B?
- Wird reinvestiert? Ein Flywheel funktioniert nur, wenn das Unternehmen die Gewinne nutzt, um das Rad weiter anzuschieben (z. B. durch Preissenkungen oder Innovationen), anstatt nur Dividenden zu zahlen.
Fazit für dein Depot
Aktien mit einem funktionierenden Flywheel-Effekt sind oft die „Compounders“ – Unternehmen, die über Jahrzehnte hinweg ihren Wert steigern. Sie sehen oft „teuer“ aus (hohes KGV), aber ihre Fähigkeit, ohne massiven Kapitaleinsatz immer schneller zu wachsen, rechtfertigt oft diese Bewertung.
