Die Net Revenue Retention (NRR) – oft auch Net Dollar Retention (NDR) genannt – ist eine der kritischsten Kennzahlen bei der Analyse von Wachstumsaktien, insbesondere im Bereich SaaS (Software as a Service) und Cloud-Computing.
Während klassische Kennzahlen wie das KGV den Gewinn betrachten, schaut die NRR tief in die „Maschinenhalle“ eines Abo-Modells, um zu prüfen, wie nachhaltig das Wachstum wirklich ist.
1. Was misst die NRR genau?
Die NRR gibt an, wie sich der Umsatz eines bestehenden Kundenstamms über einen bestimmten Zeitraum (meist ein Jahr) verändert hat. Dabei werden Neukunden, die in diesem Zeitraum dazugekommen sind, ignoriert.
Sie berechnet sich wie folgt:

- Expansion: Mehrumsatz durch Bestandskunden (z. B. Upgrades auf teurere Abos oder Kauf zusätzlicher Module).
- Churn: Umsatzverlust durch Kunden, die komplett gekündigt haben.
- Contraction: Umsatzverlust durch Kunden, die auf günstigere Tarife herabgestuft haben (Downgrades).
2. Warum ist die NRR für Aktionäre so wichtig?
Für Investoren ist die NRR ein Indikator für die Qualität des Wachstums und die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens:
- Wachstum ohne Neukunden: Eine NRR von über 100 % bedeutet, dass das Unternehmen allein durch seine Bestandskunden wächst. Es müsste theoretisch keinen einzigen Cent in Marketing für Neukunden ausgeben und würde trotzdem größer werden.
- Produkt-Markt-Fit: Eine hohe NRR beweist, dass das Produkt für die Kunden unverzichtbar ist („sticky“) und sie bereit sind, immer mehr Geld dafür auszugeben.
- Effizienz: Es ist deutlich günstiger, einem Bestandskunden mehr zu verkaufen, als einen Neukunden mühsam zu akquirieren (niedrige Customer Acquisition Costs).
3. Benchmarks: Was ist ein „guter“ Wert?
An der Börse werden Unternehmen oft anhand ihrer NRR in Klassen eingeteilt:
| NRR-Wert | Bewertung durch Investoren |
| Unter 90 % | Alarmsignal. Das Unternehmen verliert massiv Umsatz im Bestand („lecker Eimer“). |
| 100 % – 110 % | Solide. Das Geschäft ist stabil, aber es fehlt die große Expansionskraft. |
| 110 % – 120 % | Gut. Typisch für erfolgreiche B2B-Softwareunternehmen. |
| Über 130 % | Elite-Klasse. Solche Werte findet man oft bei High-Growth-Stars wie Snowflake oder Datadog in ihren Hochphasen. |
4. Der Unterschied zur Gross Revenue Retention (GRR)
Anleger verwechseln NRR oft mit der Gross Revenue Retention (GRR).
- Die GRR ignoriert die Expansion (Upgrades) und schaut nur darauf, wie viel vom alten Umsatz man behalten hat.
- Die GRR kann maximal 100 % betragen.
- Wichtig: Ein Unternehmen kann eine tolle NRR von 120 % haben, aber wenn die GRR gleichzeitig nur 70 % beträgt, bedeutet das, dass viele Kunden kündigen und der Verlust nur durch massive Preiserhöhungen bei den verbleibenden Kunden kaschiert wird. Das ist riskant!
Fazit für Euer Depot
Wenn du in Software-Aktien investierst, solltest du im Geschäftsbericht (oft unter „Key Business Metrics“) nach der NRR suchen. Eine sinkende NRR ist oft ein Frühwarnsystem für einen fallenden Aktienkurs, noch bevor das allgemeine Umsatzwachstum einbricht.
